Misery ( SIE )

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Moderator: Heiger

Gedanken zu Sie/Misery

Beitragvon BuchLeser » Di 26.Jan.2010 15:35

Hallo King-Freunde,
seit mittlerweile 20 Jahren (als ich zum dritten Mal mit "Sie" durch war) lässt mich eine Interpretation des Buches nicht los. Bisher habe ich nirgendwo eine Diskussion in diese Richtung gelesen; sollten die Gedankengänge schon mal angedacht worden sein, bitte mitteilen.

Für mich ist Sie/Misery eine geniale Verarsche der Literaturkritik!

Ich persönlich wurde in der Oberstufe mit dem Thema im Fach Deutsch gequält und konnte mich damals nicht recht anfreunden.
Jahre später finde ich in "es" eine Diskussion über ein "sozio-kulturelles Statement", welches Bill Denbrough mit dem Kommentar: "Kann eine Geschichte nicht einfach eine Geschichte sein?" versieht, was mir Kings Verhältnis zur Literaturkritik verdeutlicht (Heyne, "es", S. 97).

Und nun schreibt Paul Sheldon eine Folge von Misery, in dem seine Hauptperson stirbt. Die Kritiker werden sich mit der Sprache, der Ausdrucksweise, der Wortwahl, der Dramatik, bla, bla, bla, auseinandergesetzt haben. Paul hat nun einen Unfall und muss den Roman fortführen.

King stülpt eine weitere Geschichte über die des Paul Sheldons. Damit werden alle Geschehnisse vor Pauls Unfall abgeschlossen. Der Wunsch Pauls, Misery zu beenden, wird damit unausweichlich definiert. Nicht nur die Tatsache des vorhandenen Romans mit Miserys tot schwarz auf weiss, sondern auch Pauls innerster Wunsch sind damit festgelegt, in Kings Welt gibt es an Paul keine Interpretationsmöglichkeit. In der Geschichte in der Geschichte gelingt es Paul, den Schluss des vorherigen Teils anders zu interpretieren um sich aus der misslichen Lage zu befreien. In der Welt des Paul Sheldons könnten nun die Kritiker einwenden, Paul hätte alles schon vorher so geplant und wollte sie nur blossstellen. In der Welt des Stephen King, also unserer Welt, geht das nicht mehr.

Er, Paul Sheldon selbst, muss im Nachhinein sein eigenes Werk umdeuten und führt damit alle Rezessionen der Kritiker ad absurdum.

In einigen Beiträgen hier im Forum wurden die Misery-Teile eher als uninteressant hingestellt, vielleicht sieht man die jetzt anders.

Der deutsche Titel "Sie" wird ja sicherlich auf Annie bezogen. Der Originaltitel bezieht sich m.E. eher auf die Hauptperson. Der Film geht leider nur am Rand auf Misery ein und lässt, durch Änderung des Drehbuches gegenüber des Romans, diese Schussfolgerung nicht zu. Die Uminterpretation kommt im Film überhaupt nicht vor - war sie nicht wichtig?

Sind meine Gedankengänge nachvollziebar?
Habe ich vielleicht "überinterpretiert"?

Jürgen
BuchLeser
 

Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Incendium » So 17.Okt.2010 14:39

So hab das Buch jetzt nach etwa zwei Tagen durchgelesen. Hätte es auch auf einen Ruck durchlesen können nur leider fehlte mir dazu etwas die Zeit.

Es ist und war sehr beeindruckend. Auch ohne Horror bzw. Fantasyelemte schafft King es eine unglaublich spannende und dichte Atmosphäre zu erzeugen.
Man wird richtig hineingezogen in die Welt des Paul Sheldon, seine Verzweiflung als er seine Drogen nicht bekommt, seine Furcht bevor Annie ihm das Bein abhackt, seine Empfindungen als er sein Manuskript verbrennen muss etc.
Es ist aber auch extrem realistisch und vllt. auch daher so erschreckend...
Incendium
 

Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Boris Barrois » Sa 23.Okt.2010 18:26

Sie war eins meiner ersten. Ich hab das Buch geliebt. Ich fand die ganze Atmosphäre überzeugend. Das gruselige ist halt, das sowas wirklich passieren kann. Das ist kein Monster oder kein Alien, sondern einfach nur eine durchgeknallte Frau die zu allem entschlossen ist.
Das einzige an der Story was mich etwas genervt hat, waren die teils zu langen passagen aus dem Buch das er für Sie geschrieben hat. Ich fand das nicht so spannend und war immer froh, wenn der Teil zu Ende war.

Aber alles in allem ein klasse Buch mit Gänsehautfeeling.
Boris Barrois
 

Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Billy1982 » Do 29.Dez.2011 15:21

@ Pennywize_666
In dem Thread hier gibt es jetzt zwar erstmal keinen direkten Zusammenhang, aber ich dachte ich schreibe es lieber hier rein, bevor der "audible" Thread zu "Needful Things" zu sehr offtopic geht. :)

Wie Du dort angedeutet hast, wurden im Zuge der Neuveröffentlichungen und der Arbeit an den Hörbüchern diverse Übersetzungen nochmal überarbeitet. Unter anderem hast Du auch auf "Sie" hingewiesen. Wie gravierend sind denn die Überarbeitungen?! Sind da wie bei "ES" teilweise auch komplett neue Sätze mit dabei?! Ich vermute mal, dass die Überarbeitungen die Übersetzung generell näher an das Original bringen, oder?!
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Pennywize_666 » Do 29.Dez.2011 16:23


:denk4 --- --- --- :denk3 --- --- :denk2 --- :tolleidee: ==> (???/120)
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon flo flagg » Mi 30.Mai.2012 20:51

"Sie" finde ich wirklich sehr beängstigend weil das was im Buch geschieht wirklich passieren kann.Die typischen Horrorelemente werden ja auch nicht benutzt.Seinen besonderen Reiz hat das Buch ja auch durch den Konflikt von nur zwei Personen und nur einem Handlungsort dem Haus.Ein psychologisch dichtes und sehr spannendes Buch,absolut lesenswert.
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Kenduskeag » Fr 01.Jun.2012 17:56

Grade das Minimalistische,was Orte und Figuren angeht,macht dieses Buch aus finde ich...wobei King auch schon oft genug bewiesen hat,dass er auch das Gegenteil beherrscht :D
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon canis lupus » Di 04.Sep.2012 06:23

Für mich war dieses Buch mit einer der beängstigsten von King. Warum? Weil dieses Erlebnis nicht unmöglich ist.
Auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich ist, ist es anders als sagen wir mal "Es", noch im Bereich des Vorstellbaren.
Und das ist das Unheimliche für mich. Das es passieren kann. Auch den Charakter von Annie finde ich genial.
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Donna Trenton » Di 04.Sep.2012 12:25

Dem kann ich mich voll anschließen. Die theoretische Möglichkeit, dass so etwas in dieser oder ähnlichen Form tatsächlich passieren kann, macht dieses Buch in meinen Augen zu einem atemberaubenden Thriller.
Ist auch eines meiner Lieblingsbücher vom Meister.
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Beitragvon Pennywize_666 » Di 04.Sep.2012 13:15

Das ist genau der Hintergrund, warum es eigentlich als Richard-Bachman-Buch herauskommen sollte, leider verstarb der Autor kurz zuvor :cry:
Den Bachman-Büchern fehlt im allgemeinen das Übersinnliche und sie liegen im Bereich des Möglichen (ausgenommen "Regulator", bei dem King ja EIN Thema aus zwei Perspektiven behandeln wollte) ;)



MfG Penny

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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Jehane » Mi 31.Okt.2012 17:03

Ich hab noch ca. 100 Seiten vor mir und hab mir daher gespart, den ganzen Thread zu lesen - ich will ja nicht versehentlich über einen Spoiler stolpern :)

Das Buch ist bisher auf mehreren Ebenen sehr, sehr gut:
- psychologisch: Was sich zwischen Annie und Paul abspielt und welchen Psychokrieg die beiden sich liefern, geht auf keine Kuhhaut. Unpackbar. Dabei wird man auch noch von King hinters Licht geführt und wie Paul in Sicherheit gewogen - ach, die Alte merkt doch eh nicht, dass er einen Kurzausflug ins Bad gemacht hat, pfff, woher denn... wie King DAS aufgelöst hat, ist wirklich meisterhaft.

- literarisch: King wechselt locker-lässig zwischen seinem eigenen und dem Schreibstil von Paul, gibt nebenbei Einblicke in die Kunst des Schreibens und in die Gedankenwelt eines Autors. Genial. Dazu kommen so Sachen wie "Als Autor darfst du keine Lösung anbieten, die unglaubwürdig rüberkommt" - und schwupps, wird Pauls Auto dank der starken Schneefälle weggeschwemmt. Vielleicht keine realistische, aber zumindest für Annie eine "faire" Lösung. Mir gefällt, wie King vorexerziert, was er Paul übers Schreiben sagen lässt. Das kommt gut rüber.

- symbolisch: Mir gefällt, wie die "Misery"-Kapitel, die Paul schreibt, seine Situation widerspiegeln. Besonders genial: das Kapitel, in dem Geoffrey versucht, Ian davon abzuhalten, Misery zu retten, weil sie sonst sterben würde. Und Ian haut ihm immer wieder eine rein, während im Hintergrund eine dunkle Göttin aufragt. Das kann man so wunderbar auf Pauls Situation umlegen: Annie quält ihn, so wie Ian Geoffrey verprügelt. Beide wollen, dass Misery weiterlebt - Annie, weil sie ohne diese Figur nicht mehr leben kann, Paul, weil an Misery sein Leben hängt. Und beide trudeln munter auf den Wahnsinn zu, wobei bei Annie glaub ich von Anfang an Hopfen und Malz verloren waren. Dass Paul noch nicht völlig durchgedreht ist, ist ein kleines Wunder.

- grauslich: Man braucht schon einen guten Magen - ich hab heute beim Frühstück die Axt-Szene gelesen und war heilfroh, dass mein Magen Schlimmeres gewöhnt ist als das. Was Folter angeht, ist das Buch schon sehr heftig, und zwar auf der psychischen wie auf der physischen Ebene.

Heute Abend nehme ich mir die letzten 100 Seiten vor. Ich bin gespannt, wie's ausgeht. Vor Jahren hab ich mal den Film gesehen, aber ich kann mich nur noch sehr vage daran erinnern und weiß auch nicht mehr, wie der geendet hat, insofern bleibt die Spannung bis zur letzten Seite aufrecht :)
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Donna Trenton » Do 01.Nov.2012 14:18

Ich liebe dieses Buch auch total.
Eine meiner absoluten Lieblingsszenen:



Pauls Entsetzen hat mich in dem Moment fast so gepackt, als würde ich da selbst im Bett liegen und mich vor Annie fürchten. *Gänsehaut*
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon flo flagg » Fr 02.Nov.2012 09:53

Meine Lieblingsstelle im Buch ist die wo er sich diese Zeitungsausschnitte durchliest,und Paul so einiges über Annie Wilkes Vergangenheit erfährt...Gänsehaut pur!
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Jehane » Fr 02.Nov.2012 13:55

Ich bin mittlerweile fast durch - eigentlich wollte ich das Buch ja vorgestern zu Ende lesen, hab's aber doch noch ein bisschen hinausgezögert. Jetzt sind noch ca. 15 Seiten übrig, und ich hab eine Theorie, wie das Buch enden könnte.

Bin gespannt, ob sich das alles so auflöst, wie ich mir das überlegt habe; es würde halt schon Sinn machen, denn
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Re: Misery ( SIE )

Beitragvon Jehane » Fr 02.Nov.2012 16:20

Hab das Buch in der Mittagspause beendet - und ich hatte mit meinen Vermutungen Recht *hehe* Nur mit dem Versteck lag ich falsch. Und ich muss zugeben, dass King mich für einen Moment wirklich an der Angel hatte, nämlich als Das war ein klassischer "Oh nein, das gibt's doch nicht"-Moment - und ich hab wirklich kurz geglaubt, dass Brilliant gemacht, wirklich. King spielt sich mit der Psyche des Lesers, und ich finde, dass "Misery" auf der Psycho-Ebene eines seiner besten Bücher überhaupt ist.
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