In einer kleinen Stadt

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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon blaine the ogo » So 27.Dez.2015 22:34

@Matias: Willkommen im Forum

Leland Gaunt ist für mich ein Symbol für all das Böse, was die Manschen sich antun. Ob mit oder ohne der Anschubser seinerseits. Er fungiert als Katalysator und "ernährt sich" von der Energie der bösen Taten.

Die Gegenstände die er den Personen zeigt sind einfach Illusionen. Die Wünsche, Probleme und Gedanken, die diese Menschen in Ihren Köpfen haben, werden verstärkt und in die Handlung projiziert, so wird auch die Frage nach der Allwissenheit Gaunts leicht erklärt. Er muss nicht wissen, was die Leute denken, er gräbt nur ihre Gedanken aus den Untiefen des Gehirns auf die Oberfläche heraus und provoziert dadurch die bösen Taten.
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon Matias » Di 29.Dez.2015 21:03

@blaine the ogo
Danke für die Antwort. Das Problem ist, dass ich Gaunt ja genauso aufgefasst habe, und es eben die Inkonsequenz ist, die mich stört. Wenn sich die Waren Gaunts als Illusionen entpuppen, warum sind die Schusswaffen absolut real?
"Ob mit oder ohne der Anschubser seinerseits" Seine permanenten Eingriffe sind mir aber schlich zu ausufernd und regellos, um interessant bzw. nachvollziehbar zu sein. Außerdem bleibt es ja nicht bei dem bloßen Streichespielen. Gerade die Besuche Gaunts in den Köpfen der Leute empfand ich als außerordentlich störend, da zu manipulativ. Und für ein "Symbol" ist er erstaunlich physisch.

Als Gegenbeispiel würde ich Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" nennen. Dort reicht ein bloßes Angebot der Titelgebenden alten Dame: 1 Milliarde Mark für eine Kleinstadt, wenn einer ihrer Einwohner ermordet wird. Das war's. Dieses bloße Angebot setzt eine Kette von Ereignissen, sowohl physischer als auch vor allem psychischer Natur in Gang, die das Schlimmste im Menschen hervorbringen wird. Die Antagonistin Claire Zachanassian ist auf dieser Weise ein wesentlich glaubwürdiger und interessanterer "Teufel" als es Gaunt für mich jemals sein könnte. Ich sehe Needful Things daher eher als leidlich unterhaltsamen Trash an, ein B-Movie in Buchform.
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon martin » Do 14.Jan.2016 16:42

Gute Denkanstöße. Dazu mal die folgenden, die auch nur Gedanken sind und keinesfalls "so sein müssen" etc... ist alles Diskussion, Austausch. Man kann manche Dinge eben auch
durchaus anders betrachten:

1. Der Bösewicht ist nicht nachvollziehbar

Ein "nachvollziehbarer" Charakter muss nicht unbedingt "schrecklich" sein - ja, er ist es oft sogar weniger als ein Irrationaler, ein Irrer. So richtig ängstigend ist Gaunt, zugegeben, nicht.

Das ist zum einen seine Motivation: Es macht ihm einfach "Spaß".

Das ist, genau betrachtet, schlimmer und abseitiger als ein durchaus nachvollziehbarer Ich-seh-rot-Zorn wie bei Carrie. Carrie konnte so ziemlich jeder einigermaßen verstehen. Darum ist z.B. der Joker für viele auch der beste Batman-Bösewicht. Weil er unberechenbar ist, und aus Spaß tötet.

Aber auch sein Handeln ist zu irrational

? Aus seiner Sicht doch ziemlich methodisch...

Wie kann Gaunt Alan ein Video zeigen, dass den Unfalltod seiner Familie lüftet? Er und Alan habe sich niemals vorher getroffen: Woher weiß Gaunt von Alans quälender Ungewissheit

Das ist ja der Punkt: Er ist eine Art Dämon, weiß sehr viel über die Menschen. Das Video zeigt nicht unbedingt den echten Unfall, es soll Alan nur zum Mord an Ace anstacheln. Ein Fake.

Warum hat er dann den nicht angeschnallten Sicherheitsgurt übersehen?

Weil er einerseits offensichtlich eingebildet ist und andererseits die Dinge (ein gängiges, übliches Merkmal des Teufels, übrigens) nie ganz richtig hinbekommt.

warum kann er dann echte, nicht-illusorische Automatikwaffen herbeizaubern?

Er will den Leuten ja gar nichts geben, es ist ja gerade kein fairer Handel. Er hat in Wirklichkeit nur Schrott und ist ein Scharlatan. Und allmächtig ist er eben auch nicht, sondern eher, so in der Dämonenriege, eben eine Art Quacksalber, ein Gauner. Das passt eigentlich schon: Hier mal ein Zaubertrick, da mal einer - aber jetzt nicht so ein Viech, das die halbe Welt schlucken würde oder könnte (mal ans Yog-Sothoth-Graffiti gedacht - unter denen dürfte Gaunt eher ein mittelmäßiger Strolch sein).

1. Die Handlung ergibt keinen tieferen Sinn...."Wozu das alles?"

Das, okay, kann man fragen. Aber es kann sein, dass es darauf keine Antwort gibt. Vielleicht ist es eine Art Parabel über die Gier im Kleinen, die zu Schaden im Größeren führt. Über die Gier, die Gemeinheit und die atavistische Gewaltbereitschaft, die in uns steckt, die wir nie zugeben mögen und die herausgekitzelt werden kann, wenn einer die richtigen Knöpfe drückt...

Wie gesagt, kann, muss nicht.
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon bigben » Fr 15.Jan.2016 10:41

Nur "so zum Spaß" macht Gaunt seine Geschäfte ja nicht. Er sammelt Seelen (weiss der Teufel,was er damit will). Aber insgesamt glaube ich, dass man bei phantastischer Literatur nicht alles hinterfragen sollte/muss.
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Aktuell lese ich: warte auf die "schlafenden Schönheiten"
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon Tiberius » Fr 15.Jan.2016 14:35

Matias hat geschrieben:Als Gegenbeispiel würde ich Friedrich Dürrenmatts "Der Besuch der alten Dame" nennen. Dort reicht ein bloßes Angebot der Titelgebenden alten Dame: 1 Milliarde Mark für eine Kleinstadt, wenn einer ihrer Einwohner ermordet wird. Das war's.


In der Tat Dürrenmatts Stück ist ein Gegenbeispiel zu Kings Roman. Allerdings sehe ich das nicht so einfach. Kings Gaunt hat eine ganz andere Motivation als Claire. Claire will sich an einer einzelnen Person rächen und bereitet ihre Tat akribisch vor. Sie sorgt letztendlich schon vor ihrer Ankunft dafür, dass die Bewohner von Güllen ihr hörig sind. Der 'Fall' der Bewohner ist für mich ein anderer als der von Castle Rock. In Castle Rock herrscht nach außen ein scheinbarer Zusammenhalt. Eine Freundlichkeit unter den Bewohnern. Erst durch Gaunts Streiche werden die Konflikte offensichtlich. Bei Dürrenmatt richten sich die Feindseligkeiten nur gegen eine Person. Und vor allem finde ich die Entwicklung der Einwohner Güllens nicht wirklich nachvollziehbar, aber das ist nur meine persönliche Meinung.

Zu deinen anderen Punkten vorher.

Die Nachvollziehbarkeit von Gaunt ist sicherlich einer der beiden Hauptpunkte an denen das Werk entweder scheitert oder gewinnt. Der andere Punkt ist das Verhalten der Bewohner von Castle Rock. Es gehört sicherlich eine Portion von Akzeptanz des übernatürlichen dazu, damit der erste Punkt funktioniert. Wenn ich hinterfrage, warum ein Seelenfänger - mitunter wird Gaunt auch mit dem Teufel beschrieben - in Castle Rock Einzug hält und warum dieser erst die Scharade abziehen muss, dann wird alles Folgende sicherlich schwierig. Allerdings ist Gaunt nicht der einzige Widersacher in Kings Werken, der sich am Chaos labt. Da ist ein gewisser Randall Flagg und wo wir schon so nah am Dunkler-Turm-Zyklus sind, welchen Nutzen hat eigentlich der Scharlachrote König, wenn der Turm fällt?

Für mich persönlich ist Gaunt stimmig. Letztlich ist er in den meisten Fällen nichtmal der Übeltäter. Hätten die Bewohner von Castle Rock ein wirklich gutes Verhältnis untereinander, wäre die Lage nie eskaliert. Niemand hätte mit den Streichen angefangen, nur um einen ach so toll aussehenden Gegenstand in den Händen zu halten. Und hier kommen wir zu dem zweiten Hauptpunkt. Es ist für mich die Faszination, die Entwicklung nachzuverfolgen. Wie letztlich ein harmloser Jungenstreich der Auslöser ist, dass eine ganze Stadt fast dem Erdboden gleichgemacht wird.

Das unterscheidet King auch in meinen Augen extrem von Dürrenmatt, wenn man das Beispiel nochmal heranziehen will. Bei Dürrenmatt wissen alle Bewohner was passieren muss und hoffen, dass es passieren wird. In Castle Rock wird das erst zum Ende hin allen wirklich klar. Vielleicht bleiben sogar Einige komplett im Dunkeln. Claire und Gaunt dürften sich beide an dem Chaos erfreuen. Aber letztendlich geht es Claire nur um eine Person, der Rest ist ihr - im positiven wie negativen Sinne - egal. Gaunt will eine ganze Stadt vernichten.

Zu den anderen, die unerklärlich vorkommenden, Dingen: Sie sind nur Mittel zum Zweck. Nochmal: Wir bewegen uns hier in einer Welt der phantastischen Literatur. Voll von Dämonen, Geistern und Figuren, die aus der Welt von Cthulhu entstiegen sind. In der Verfilmung werden Gaunts Fähigkeiten ganz passabel präsentiert und dort ist er in meinen Augen noch extremer der scheinbar Allmächtige. Gerade der Punkt gefällt mir ebenfalls gut. Im Laufe der Handlung merken wir - das heißt, King versucht sein Mögliches, dass wir es merken - dass Gaunt scheinbar allmächtig und unbesiegbar ist. Ähnlich wie Pennywise, ähnlich wie die Aliens in 'Dreamcatcher' und so viele andere Bösewichte. Aber das eigentlich faszinierende ist, dass diese Antagonisten besiegt werden können. Mal sind es Kinder, die übersinnliches nicht leugnen, sondern bekämpfen. Manchmal dauert es, bis der Sheriff wirklich begreift, mit was er es da zu tun hat (dabei hat gerade Alan Pangborn ja schon einmal mitbekommen, was um Castle Rock alles rumfleucht und vor allem -fliegt)

Das erstmal aus meiner Sicht. Ich kann dich verstehen. Ich habe so einige Rezensionen zum Roman gelesen, die ihn für langatmig, unausgeglichen und zu wirr empfinden. Ja, kann man so sehen. Das ist ja das tolle an Literatur. Es gibt so verdammt viel davon, dass nicht Jeder alles mögen muss :mrgreen:
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon humppa » So 18.Jun.2017 23:41

Bin ich gerade am Lesen.

Bin jetzt auf etwa Seite 400. Wirklich kurzweilig und nicht langatmig.

Ein gute Buch, wie ich finde.
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon humppa » Sa 08.Jul.2017 21:41

Servus!

Vor einigen Tagen hab ich Needful Things fertig gelesen. Mir hat das Buch wirklich sehr gut gefallen. Es war zwar im Mittelteil mal etwas langatmig. Aber alles in allem wirklich ein sehr schön geschriebenes Buch.

Die Atmosphäre war am Ende richtig greifbar; die Charaktere waren super aufgebaut und dann der etwas seltsame Schluss mit der Schlange... naja.
Hätte man evtl etwas anders machen können, aber gut.

Werd ich beizeiten wieder mal lesen.
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Re: In einer kleinen Stadt

Beitragvon martin » Mi 19.Jul.2017 14:36

Hätten die Bewohner von Castle Rock ein wirklich gutes Verhältnis untereinander,


Wo haben das schon alle in einer Gemeinde... die sind aber etwas eindimensional gezeichnet, es reicht ja bei jedem genau eine Zündschnur - so leicht dürfte das in Wirklichkeit kaum gehen.
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